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PRIPJAT – SONS OF TSCHERNOBYL REVIEW BY CDSTARTS.DE | 7/10

PRIPJAT – SONS OF TSCHERNOBYL REVIEW BY CDSTARTS.DE | 7/10

Liebesgrüße aus der Todeszone.

Die im Jahre 1986 stattgefundene Katastrophe von Tschernobyl gilt als eine der schlimmsten in einem Atomkraftwerk überhaupt. Bis heute ist die russische und ukrainische Bevölkerung nicht aus diesem Alptraum erwacht. Kein Wunder, dass der Vorfall seit jeher auch als Inspirationsquelle dient. Da mag man denken, was man will – so schrecklich und ernst das Thema auch sein mag, so dankbar erscheint es auch als Ideenlieferant für Metal-Bands. Besonders Vertreter der Thrash-Zunft verarbeiteten das Thema gefühlt bereits dann, als der erste Zeitungsartikel vom Unfall berichtete. Dass eine ganze Band aber ihre Ästhetik auf eben diesen Vorfall abstimmt, ist eher die Ausnahme. Eine solche ist Pripjat. Pripjat kommen nicht aus Pripjat/Prypjat, sondern aus dem deutschen Köln. Die Mitglieder Kirill Gromada (Gesang, Gitarre) und Eugen „Dude“ Lyubavskyy (Gitarre) haben dabei ukrainische Wurzeln. Das mag bezüglich des Bandnamens, des Albumtitels „Sons Of Tschernobyl“ (das englische „Chernobyl“ wird getrost ignoriert), sowie des Auftretens ein wenig wie ein Alibi wirken, doch im Grunde ist es eigentlich egal. Die Provokation zählt. Wie sehr diese in unserer heutigen Zeit überhaupt zieht, ist eine ganz andere Frage.

Die öffentliche Wahrnehmung interessiert sich eh lieber für Nackedeis auf Abrissbirnen, während der gemeine Thrash-Head ein unverwüstlicher Zeitgenosse ist, für den die Musik der Kölner sowieso an erster Stelle steht. Damit soll er Recht behalten, denn „Sons Of Tschernobyl“ ist ein gewaltiges Brett geworden. Es wird kein Hehl daraus gemacht, dass die Jungens von Pripjat ihre Helden haben und dies den Hörer auch jederzeit wissen lassen. Ruhrpott-Thrash der Marke Kreator oder Sodom ist dabei besonders stark vertreten, aber auch Bay-Area-Helden wie Anthrax standen ohne Frage Pate. Wer nun Innovationen vermisst, der hat durchaus das Recht dazu. Pripjat aber glänzen mit enormem Können an ihren Instrumenten und – was noch viel wichtiger ist – einem Gespür für gutes Songwriting. Wuchtig und hart geben sich die Söhne Tschernobyls zwar ebenfalls, aber dies gottlob nicht aus Selbstzweck. Es sind Songs wie „Snitches Get Stitches“ oder das unbeschwert dahin thrashende „Liquidators“ sowie dessen russische Version am Ende des Albums, die sowohl in der nackenwirbelverrenkenden Menschenmenge als auch im eigenen Wohnzimmer Spaß machen und alleine durch die ungemeine Spielfreude des Quartetts begeistern können. Der immer wieder vorhandene Hang zu Melodien, die hängen bleiben, hebt sich angenehm von anderen Genre-Kollegen ab. Groovende Monstrositäten („Nuclear Chainsaw“), pfeilschnelles Spaßkloppen („Toxic“) und atmosphärische, ausgeklügelte Stampfer („Born To Hate“, „Red Desease“, Titeltrack) geben sich hier gegenseitig die Klinke in die Hand.

Eine eigene Handschrift ist trotz der großen Vorbilder gegeben – eintönig oder viel zu ähnlich klingt auf „Sons Of Tschernobyl“ dagegen keine einzige Nummer. Deswegen sei das Debütalbum der Klopper aus Kölle jedem ans Herz gelegt, der Spaß an einem abwechslungsreichen und munteren Thrash Metal hat. Die Frage nach der großen Innovation sei an dieser Stelle einfach mal aus Gerechtigkeitsgründen links liegen gelassen – Pripjat sind immerhin nicht die ersten und auch nicht die letzten Musiker dieser Art, die es so machen, wie es die Genre-Legenden vor ihnen zeigten. Und wer auf zünftigen Thrash steht, der stört sich auch nicht daran. Pripjat haben todsichere Argumente und lassen den Hörer ihre unbändige Spielfreude spüren. Und das ist ’ne Menge wert!

Anspieltipps: 

  • Acid Rain
  • Born To Hate
  • Red Disease
  • Sons Of Tschernobyl
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